Lehrveranstaltungen GLASER Thomas

“Rhetorik“, sagte Aristoteles, sei „eine Fähigkeit, bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende zu betrachten.“ Damit unterscheidet sie sich von den anderen Wissenschaften, die je schon von ihrem Gegenstand überzeugen und belehren (z.B. die Heilkunst von der Gesundheit). Das möglicherweise Überzeugende, so Aristoteles weiter, kann in der Argumentationsweise einer Rede liegen oder in der Person des Redners (wenn er z.B. vertrauenswürdig auftritt) oder an den Emotionen, die eine Rede auslöst (wenn sie das Publikum z.B. erzürnt).

In Weiterführung Aristoteles‘ geht man heute davon aus, dass das Überzeugende eines (jeden) Wissensgegenstands auf Darstellbarkeit angewiesen ist, das heißt darauf, wie er in einer Sprache (unterschiedlichster Medialität), über diverse Verfahren der (sprachlichen, bildlichen etc.) Verknüpfung sich zeigt – und gleichzeitig als bloß künstliches Resultat solcher Darstellungstechniken sich zur Schau stellt.

In unserem Kurs wollen wir uns anhand theoretischer Texte und praktischer Beispiele mit unterschiedlichsten rhetorischen Verfahren des Überzeugens bzw. gelingender Kommunikation vertraut machen und ihre Wirksamkeit erörtern, dabei aber stets deren Künstlichkeit im Auge behalten, das Manipulative, des jedem Überzeugen, jeder gelingenden Kommunikation eignet – und sie in Frage stellt.


Wurde dem österreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter (1805-1868) von einigen seiner Zeitgenossen vorgeworfen, er wende sich nur den kleinen Dingen zu, anstatt dem großen Weltgeschehen, er verliere sich in den Details, statt das umfassende Ganze zu sehen und seine „aufs Breite und Breiteste angelegte() Beschreibungsnatur“ (F. Hebbel) führe nur zu unerträglicher Langeweile, so sieht die gegenwärtige Literaturwissenschaft in Stifters Texten im Gegenteil faszinierende Experimente, „die das Vertraute in seiner ganzen Fremdheit enthüllen“ (M. Mayer), in seiner deskriptiven Schreibweise eine Herausforderung der Lektüre, an Zeichen sich zu orientieren, die sich im Ungewissen verlieren.

Zum Ausgangspunkt neuerer Literaturtheorie (Roland Barthes: Effet de réel) wurden die „Details“ in den Romanen und Erzählungen des zur gleichen Zeit in Frankreich publizierenden Gustave Flaubert (1821-1880), dem zu Lebzeiten wegen der Schreibweise seiner „Madame Bovary“ sogar der Prozess gemacht wurde.

In unserem Kurs wollen wir in vergleichender Analyse ausgewählter Erzählungen Stifters und Flauberts deren Schreibweisen erkunden und diskutieren, inwiefern diese Schreibprojekte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Angebote entschleunigten Lesens und Wahrnehmens darstellen, die Gegenentwürfe abgeben könnten zu den gegenwärtigen hyperakzelerierenden Zeichen- und Bilderfolgen und ihrem Effekt, Wahrheit und Lüge eine bloße Frage des Gefühls sein zu lassen.


Die Vorlesung führt in die Grundlagen literarischer Kommunikation ein. Sie fragt danach, was unter Literatur – oder dem Literarischen bzw. Poetischen – zu verstehen ist und danach, welche Aspekte und Funktionen kommunikative Akte ausmachen. Systematisch und historisch führt sie in Semiotik, Rhetorik, Poetik, Narrativik, Performanz und Medialität ein.